Das Rätsel nach der Befreiung von Paris: In Argentinien wurde ein Anwesen entdeckt, das mit historischen Unterlagen aus dem Zweiten Weltkrieg in Verbindung steht
Im August 2024 entdeckte ein Drohnenteam bei der Vermessung eines Weinguts in der Provinz Mendoza in Argentinien ungewöhnliche Hinweise auf unterirdische Strukturen, die in keinen offiziellen Bauunterlagen verzeichnet waren. Das rund 230 Acre große Anwesen gehörte einer juristischen Person, die bereits 1946 registriert worden war.
Als die argentinischen Behörden den Fall genauer untersuchten, stellten sie fest, dass in den ursprünglichen Eigentumsunterlagen ein Mann namens George Hoffman genannt wurde. Der Abgleich mit historischen Daten zeigte jedoch mehrere Unstimmigkeiten bei dieser Identität. Die Öffnung unterirdischer Kammern unter dem Haupthaus führte anschließend zur Entdeckung einer größeren Sammlung historisch relevanter Dokumente, persönlicher Gegenstände und Archivmaterialien.
Unter den Funden befanden sich eine Uniform, mehrere Ausweisdokumente unter verschiedenen Namen, Goldmünzen sowie historische Fotografien aus Paris im Sommer 1944. Diese Materialien sollen mit Carl Brener in Verbindung stehen, einem SS-Kommandeur, der während der deutschen Besatzung in Paris tätig war.
Nach Unterlagen, die mit Archivbeständen in Verbindung gebracht werden, leitete Brener die SS-Sicherheitskräfte in Paris und verschwand genau in dem Moment, als alliierte Truppen im August 1944 in die Stadt einrückten. Über viele Jahrzehnte hinweg war seine Akte mit dem Vermerk „Schicksal unbekannt" versehen.
Der Fund in Argentinien legt nahe, dass er Paris verlassen, eine andere Identität angenommen und viele Jahre in Südamerika gelebt haben könnte. Sollte dies vollständig bestätigt werden, würde der Fall zeigen, wie einige mit dem NS-Regime verbundene Personen der Nachkriegsjustiz mithilfe falscher Dokumente, Unterstützungsnetzwerke und des Chaos der unmittelbaren Nachkriegszeit entkommen konnten.
Carl Brener wurde 1905 in Stuttgart geboren, trat 1931 der NSDAP und 1933 der SS bei. Anders als viele Offiziere mit klassischem militärischem Hintergrund soll er vor allem durch Verwaltungs- und innere Sicherheitsaufgaben aufgestiegen sein. Ab 1940 wurde Brener nach Frankreich versetzt und Teil des Besatzungsapparats in Paris.
Historische Unterlagen zeigen, dass die ihm unterstellte Einheit zwischen 1940 und 1944 an zahlreichen Sicherheitsmaßnahmen, Verhaftungen und Repressionsmaßnahmen gegen Personen beteiligt war, die von den Besatzungsbehörden als Bedrohung angesehen wurden. Gerade deshalb galt er später als wahrscheinlicher Kandidat für Ermittlungen und Strafverfolgung, als sich der Kriegsverlauf wendete.
Im August 1944, als sich die alliierten Streitkräfte Paris näherten, waren die deutschen Befehlshaber uneins darüber, ob die Stadt verteidigt oder aufgegeben werden sollte. In diesem Zusammenhang soll Brener sein Verschwinden bereits vorbereitet haben. Spätere Unterlagen deuten darauf hin, dass er die Vernichtung persönlicher Akten anordnete und sein Hauptquartier an dem Tag verließ, an dem Paris in die letzte Phase seiner Befreiung eintrat.
In den Jahren unmittelbar nach dem Krieg leiteten die französischen Behörden Ermittlungen ein, konnten jedoch nicht feststellen, wohin Brener anschließend gegangen war. Eine Theorie besagte, dass er während des Rückzugs ums Leben gekommen sei, doch dafür wurde nie ein eindeutiger Beweis gefunden. Im Laufe der Zeit wurde der Fall zu einer ungelösten Archivakte.
Die entscheidende Wende kam erst 2024 mit der Entdeckung der unterirdischen Strukturen auf dem Anwesen in Mendoza. Dort fanden sich Archivdokumente, Fotografien, Ausweispapiere sowie detaillierte Aufzeichnungen über Zahlungen an mehrere Mittelsmänner, die zwischen 1944 und 1946 Hilfe geleistet haben sollen. Diese Unterlagen halfen den Ermittlern, eine Fluchtroute von Paris über die Schweiz bis nach Argentinien zu rekonstruieren.
Den Berichten zufolge zeigen die vor Ort sichergestellten Dokumente, dass der Mann unter dem Namen George Hoffman 1946 nach Argentinien einwanderte, 1948 in Mendoza ein Grundstück kaufte und dort jahrzehntelang zurückgezogen lebte. Lokale Register verzeichnen, dass diese Person 1992 starb.
Besonders bemerkenswert an diesem Fall ist nicht nur die mögliche wahre Identität des Eigentümers, sondern auch das Unterstützungsnetzwerk, das ehemaligen SS-Mitgliedern nach dem Krieg bei der Flucht aus Europa geholfen haben soll. Die auf dem Anwesen gefundenen Notizbücher, Register und Unterlagen deuten darauf hin, dass es sich womöglich nicht um einen Einzelfall handelte.
Heute gilt das Anwesen in Mendoza als Ort von historischem Forschungswert. Die dort entdeckten Dokumente werden derzeit untersucht, abgeglichen und für Archiv- und Forschungszwecke aufbereitet. Sollten die abschließenden Ergebnisse die ersten Erkenntnisse weiter bestätigen, wird dieser Fall ein wichtiges Puzzlestück zum Verständnis der Nachkriegszeit und des Verschwindens bestimmter Personen aus dem Umfeld des NS-Systems liefern.